Studie: Ihre Persönlichkeit kann beeinflussen, wie erwachsen Sie sich fühlen
Eine britische Studie mit 714 Erwachsenen: Wer gewissenhafter und weniger neurotisch ist, fühlt sich eher erwachsen – unabhängig vom Alter.
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Warum fühlen sich manche Menschen mit 25 wie vollwertige Erwachsene, während andere mit 40 noch das Gefühl haben, nur so zu tun? Alter, Beruf, Partnerschaft und Kinder sind die üblichen Erklärungen. Eine neue Studie legt nahe, dass auch die Persönlichkeit eine Rolle spielt.
Die Studie, am 16. Oktober 2026 im Journal of Adult Development veröffentlicht, ergab: Menschen mit höherer Gewissenhaftigkeit und niedrigerem Neurotizismus fühlen sich eher erwachsen. Die Persönlichkeit schien außerdem etwas Subtileres zu prägen: was Menschen unter Erwachsensein überhaupt verstehen.
Die wichtigsten Ergebnisse
- 714 Erwachsene im Vereinigten Königreich im Alter von 18 bis 77 Jahren (Durchschnittsalter 39) nahmen teil.
- Sich erwachsen zu fühlen, hing mit niedrigerem Neurotizismus und höherer Gewissenhaftigkeit zusammen.
- Die Persönlichkeitsmerkmale allein erklärten 27 % der Unterschiede darin, wie erwachsen sich Menschen fühlten.
- Menschen mit höherer Offenheit legten bei der Definition von Erwachsensein mehr Gewicht auf psychologische Reife, Menschen mit niedrigerer Offenheit und höherem Neurotizismus dagegen mehr auf traditionelle Meilensteine.
- Extraversion hing damit zusammen, alle Arten von Erwachsenen-Kriterien stärker zu befürworten.
Sich erwachsen fühlen ist nicht dasselbe wie erwachsen sein
Die Psychologie unterscheidet zwischen objektiven Merkmalen des Erwachsenseins und dem subjektiven Erwachsenenstatus. Objektive Merkmale lassen sich auf einer Liste abhaken: 18 werden, ausziehen, eine Vollzeitstelle antreten, heiraten oder Kinder bekommen. Der subjektive Erwachsenenstatus ist schlicht die Frage, ob Sie sich erwachsen fühlen.
Beides stimmt nicht immer überein. Seit etwa 2000 beschreiben Forschende eine Phase namens Emerging Adulthood (etwa: „aufkommendes Erwachsenenalter“), ungefähr von den späten Teenagerjahren bis in die Zwanziger. In dieser Zeit fühlen sich viele Menschen „dazwischen“: keine Jugendlichen mehr, aber auch noch nicht ganz erwachsen. Fragt man junge Menschen, was jemanden erwachsen macht, nennen sie eher psychologische Eigenschaften, etwa Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und eigenständige Entscheidungen zu treffen, als Heirat oder Karriere.
Die neue Studie von Megan Wright von der University of York stellte eine andere Frage: Wenn Alter und Meilensteine nicht vollständig erklären, wer sich erwachsen fühlt, könnte die Persönlichkeit dann einen Teil der Lücke schließen?
Gewissenhaftigkeit und emotionale Stabilität gehen mit dem Gefühl des Erwachsenseins einher
Die Teilnehmenden füllten einen Big-Five-Persönlichkeitsfragebogen aus, schätzten ein, wie erwachsen sie sich fühlten, und bewerteten, wie wichtig verschiedene Kriterien für das Erwachsensein sind. Anschließend wurde analysiert, wie jedes Merkmal mit diesen Wahrnehmungen zusammenhing.
Zwei Merkmale stachen beim subjektiven Erwachsenenstatus hervor:
- Gewissenhaftigkeit. Menschen, die organisiert, zuverlässig und zielstrebig sind, fühlten sich eher erwachsen. Das passt zum alltäglichen Bild vom Erwachsensein: Verpflichtungen einhalten, vorausplanen und sich um seine Aufgaben kümmern.
- Neurotizismus. Menschen, die mehr Sorgen, Stress und negative Gefühle erleben, fühlten sich seltener erwachsen. Eine plausible Deutung: Wer sich emotional unsicher fühlt, hat es schwerer, sich als Herr oder Herrin des eigenen Lebens zu erleben – und genau das sehen viele als Kern des Erwachsenseins.
Zusammen erklärten die fünf Merkmale unabhängig etwa 27 % der Variation darin, wie erwachsen sich Menschen fühlten. Das ist ein beachtlicher Anteil für eine Selbstwahrnehmung, die man gewöhnlich mit Alter und Lebensereignissen erklärt.
Offenheit kann prägen, was Erwachsensein für Sie bedeutet
Die Studie betrachtete auch die Skala Markers of Adulthood, die fragt, wie wichtig verschiedene Kriterien für das Erwachsensein sind. Die Kriterien lassen sich in Gruppen einteilen, etwa:
- Rollenübergänge, wie Heirat, Elternschaft und eine stabile berufliche Laufbahn
- Unabhängigkeit, wie sich finanziell selbst zu versorgen und allein zu wohnen
- Rechtliche Kriterien, wie das Erreichen des Alters, ab dem man wählen, Auto fahren oder Alkohol trinken darf
- Relative Reife, wie Verantwortung für die Folgen des eigenen Handelns zu übernehmen und rücksichtsvoll mit anderen umzugehen
Hier wies die Persönlichkeit in unterschiedliche Richtungen. Menschen mit höherer Offenheit für Erfahrungen und Menschen mit höherer Gewissenhaftigkeit legten mehr Gewicht auf relative Reife, also die psychologische Seite des Erwachsenseins. Menschen mit niedrigerer Offenheit und höherem Neurotizismus legten mehr Gewicht auf die traditionelleren Kriterien: Rollenübergänge, Unabhängigkeit und rechtliche Meilensteine.
Extraversion verhielt sich wiederum anders. Extravertiertere Menschen bewerteten alle Kriterien als wichtiger. Vielleicht setzen sie sich einfach stärker mit der Idee des Erwachsenseins auseinander, oder sie neigen generell dazu, Aussagen stark zuzustimmen. Was davon zutrifft, kann die Studie nicht sagen.
Was die Studie nicht zeigt
Die Ergebnisse sind interessant, haben aber klare Grenzen:
- Korrelation, nicht Kausalität. Die Studie zeigt, dass Merkmale und Wahrnehmungen zusammen auftreten. Sie zeigt nicht, dass Sie sich erwachsener fühlen, wenn Sie gewissenhafter werden, oder dass das Gefühl, erwachsen zu sein, Ihre Persönlichkeit verändert.
- Ein einziger Zeitpunkt. Die Teilnehmenden wurden nur einmal befragt. Die Studie kann daher nicht zeigen, wie sich diese Zusammenhänge mit zunehmendem Alter entwickeln.
- Ein einziges Land. Alle Teilnehmenden lebten im Vereinigten Königreich. Vorstellungen davon, was jemanden erwachsen macht, unterscheiden sich zwischen Kulturen.
- Selbstauskunft. Sowohl die Persönlichkeit als auch das Gefühl des Erwachsenseins wurden mit Fragebögen erfasst.
Verändert sich die Persönlichkeit mit dem Alter?
Ja, ein wenig – und zwar in eine Richtung, die zu diesen Ergebnissen passt. Eine große Metaanalyse von Längsschnittstudien von Roberts, Walton und Viechtbauer ergab, dass Menschen zwischen dem jungen Erwachsenenalter und der Lebensmitte im Durchschnitt gewissenhafter und emotional stabiler werden. In der Psychologie spricht man hier manchmal vom Reifeprinzip (Maturity Principle).
Die neue Studie hat Menschen nicht über längere Zeit begleitet. Sie kann also nicht sagen, ob diese Veränderungen Menschen helfen, in das Gefühl des Erwachsenseins hineinzuwachsen. Sie deutet aber auf einen Zusammenhang hin, der sich näher zu untersuchen lohnt: Die Merkmale, die mit dem Alter tendenziell zunehmen, sind dieselben, die mit dem Gefühl des Erwachsenseins einhergehen. Mehr darüber, wie sich Merkmale im Lauf des Lebens verschieben, lesen Sie in unserem Artikel über Persönlichkeitsveränderung.
Was das für Sie bedeutet
Wenn Sie sich noch nicht erwachsen fühlen, sind Sie in guter Gesellschaft. Die Studie legt nahe, dass dieses Gefühl teilweise von stabilen Persönlichkeitsunterschieden abhängt und nicht nur davon, ob Sie bestimmte Meilensteine erreicht haben.
Einige Gedanken dazu:
- Sich erwachsen zu fühlen, ist keine Prüfung, die man besteht oder nicht besteht. Menschen mit unterschiedlicher Persönlichkeit erleben und definieren Erwachsensein unterschiedlich.
- Meilensteine sind nicht der einzige Maßstab. Wenn Ihre Offenheit hoch ist, ist Ihnen psychologische Reife vielleicht wichtiger als ein Eigenheim oder eine Hochzeit.
- Sorgen können Ihnen das Gefühl von Kontrolle nehmen. Wenn Sie hohe Werte beim Neurotizismus haben, kann das färben, wie gefestigt Sie sich fühlen – selbst wenn Ihr Leben von außen stabil wirkt.
Wie sehen Ihre Big-Five-Merkmale aus?
Die Merkmale aus dieser Studie sind dieselben fünf, die unser kostenloser Persönlichkeitstest misst: Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus, Offenheit für Erfahrungen, Extraversion und Verträglichkeit. Ihr Ergebnis zeigt, wo Sie bei jedem Merkmal und seinen sechs Facetten liegen. So sehen Sie, welche Teile Ihrer Persönlichkeit beeinflussen könnten, wie erwachsen Sie sich fühlen.
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Quellen
- Wright, M. (2026). Big Five personality traits and subjective perceptions of adulthood. Journal of Adult Development. doi:10.1007/s10804-026-09581-x
- Arnett, J. J. (2000). Emerging adulthood: A theory of development from the late teens through the twenties. American Psychologist, 55(5), 469–480. doi:10.1037/0003-066X.55.5.469
- Roberts, B. W., Walton, K. E., & Viechtbauer, W. (2006). Patterns of mean-level change in personality traits across the life course: A meta-analysis of longitudinal studies. Psychological Bulletin, 132(1), 1–25. doi:10.1037/0033-2909.132.1.1

