Liberalismus: Ist deine politische Haltung Teil deiner Persönlichkeit?
Warum fragt ein Persönlichkeitstest nach Politik? Was die Facette Liberalismus wirklich misst, was die Forschung über Werte sagt und wie sie gemessen wird.
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Du machst einen Persönlichkeitstest und beantwortest Fragen zu Fantasie, Kunst und Gefühlen. Dann fragt dich plötzlich eine Aussage, ob du dich politisch als progressiv oder konservativ siehst. Eine andere fragt, ob wir hart gegen Kriminalität vorgehen sollten.
Was hat Politik mit Persönlichkeit zu tun?
Mehr, als du vielleicht denkst, aber wahrscheinlich nicht auf die Art, die du erwartest.
Im Big-Five-Modell heißt dieser Teil des Tests Liberalismus. Er ist eine von sechs Facetten der Offenheit für Erfahrungen. Trotz des Namens geht es bei der Facette nicht in erster Linie darum, welche Partei du wählst. Sie beschreibt eine tiefere Haltung: wie bereit du bist, Autorität, Konventionen und Traditionen zu hinterfragen, und wie gut du mit dem Gedanken leben kannst, dass richtig und falsch von der Situation abhängen können.
Was bedeutet Liberalismus?
Psychologen nennen diese Facette manchmal psychologischen Liberalismus, um sie von Parteipolitik abzugrenzen. An einem Ende stehen Menschen, die etablierte Regeln und Traditionen gern infrage stellen. Am anderen Ende stehen Menschen, die die Stabilität, Sicherheit und gemeinsamen Normen schätzen, die Tradition mit sich bringt.
Menschen mit hohen Werten erkennen sich oft darin wieder:
- Du stellst Autoritäten und etablierte Wahrheiten bereitwillig infrage.
- Du findest, dass Regeln und Traditionen begründet werden sollten, statt einfach befolgt zu werden.
- Du siehst moralische Fragen eher als vielschichtig denn als schwarz-weiß.
- Du befürwortest eher Reformen und Veränderungen in der Gesellschaft.
- Du beschreibst dich oft als politisch progressiv oder links.
Menschen mit niedrigen Werten erkennen sich oft darin wieder:
- Du schätzt Tradition, Ordnung und klare Regeln.
- Du findest, dass etablierte Institutionen oft aus gutem Grund existieren.
- Du glaubst, dass manche Dinge einfach richtig oder falsch sind.
- Du findest, dass Regelverstöße klare Konsequenzen haben sollten.
- Du beschreibst dich oft als politisch konservativ.
Keines der beiden Enden ist richtiger oder reifer als das andere. Sie spiegeln unterschiedliche Prioritäten wider, und beide haben Stärken.
Entscheidend ist nicht, welche Partei du unterstützt, sondern wie du zu Autorität, Tradition und moralischer Gewissheit stehst.
Ein Wort zum Wort „liberal“
Die Aussagen in unserem Test wurden ursprünglich auf Englisch und in einem amerikanischen Kontext geschrieben. In den USA bedeutet „liberal“ ungefähr Mitte-links, und „conservative“ bedeutet eher rechts.
Im deutschsprachigen Raum hat „liberal“ eine andere Färbung. Hier denken viele beim Wort zuerst an wirtschaftliche Freiheit, freie Märkte und individuelle Freiheitsrechte, eine Tradition, die politisch eher in der Mitte oder rechts davon verortet wird. Wer sich in diesem Sinn als liberal versteht, ist damit nicht unbedingt das, was die amerikanische Aussage meint.
Deshalb heißt es in der deutschen Fassung unseres Tests nicht „liberal“, sondern: „Ich sehe mich politisch überwiegend als progressiv“. Das kommt der amerikanischen Bedeutung näher, ist aber trotzdem keine perfekte Entsprechung. Auch „progressiv“ und „konservativ“ werden in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht ganz gleich verstanden.
Das solltest du beim Lesen deines Wertes im Hinterkopf behalten. Die Facette erfasst etwas Reales, aber die Wörter, mit denen sie gemessen wird, sind von der Kultur geprägt, aus der sie stammen.
Persönlichkeit und Politik: ein echter Zusammenhang
Es gibt solide Forschung, die zeigt, dass Persönlichkeit und politische Ansichten zusammenhängen.
Eine Studie aus dem Jahr 2008 kombinierte mehrere Methoden: Persönlichkeitsfragebögen, Beobachtungen des Verhaltens in sozialen Interaktionen und sogar eine Untersuchung der Schlafzimmer und Büros der Teilnehmenden. Die Forschenden fanden durchgängige Unterschiede zwischen Liberalen (im amerikanischen Sinn) und Konservativen, die vor allem mit zwei Merkmalen zusammenhingen: Offenheit für Erfahrungen und Gewissenhaftigkeit.
Im Allgemeinen waren Liberale aufgeschlossener, neugieriger und suchten mehr nach Neuem, während Konservative ordentlicher, konventioneller und organisierter waren. Am deutlichsten waren die Unterschiede bei gesellschaftlichen Fragen, weniger bei wirtschaftlichen.
Eine große amerikanische Studie mit Wählerinnen und Wählern aus dem Jahr 2010 bestätigte, dass Persönlichkeit eine Rolle spielt und dass ihr Einfluss auf politische Ansichten so groß sein kann wie der von Bildung oder Einkommen. Sie zeigte aber auch, dass sich die Zusammenhänge zwischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen sowie zwischen verschiedenen Gruppen unterscheiden.
Nicht überall gleich
Der Großteil dieser Forschung stammt aus den USA. Gilt sie auch anderswo?
Eine Studie aus dem Jahr 2017 nutzte Daten aus dem World Values Survey in 21 Ländern auf allen Kontinenten. Die Hauptbefunde zu Persönlichkeit und Ideologie bestätigten sich. Aber die Effekte schwankten von Land zu Land erheblich und ließen sich nicht ohne Weiteres auf die ganze Welt verallgemeinern.
Was es bedeutet, „konservativ“ oder „progressiv“ zu sein, hängt davon ab, was in deiner Gesellschaft traditionell ist. In einem Land kann die Verteidigung der Tradition bedeuten, einen starken Sozialstaat zu verteidigen. In einem anderen kann sie das Gegenteil bedeuten.
Liegt es in unseren Genen?
Eine Studie aus dem Jahr 2014 kombinierte Daten von mehr als 12.000 Zwillingspaaren aus fünf Demokratien, gesammelt über vier Jahrzehnte. Die Forschenden fanden, dass genetische Faktoren bei der Entstehung politischer Ideologie eine Rolle spielen, bei fast allen Arten, wie sie gemessen wurde, und in allen untersuchten Bevölkerungen.
Gleichzeitig fanden sie kein einzelnes Gen für politische Ansichten. Der Einfluss, falls es ihn gibt, scheint von Tausenden genetischen Varianten zu kommen, jede mit einem sehr kleinen Effekt.
Das heißt nicht, dass irgendjemand als Konservativer oder Progressiver geboren wird. Es heißt, dass grundlegende Neigungen, etwa wie wir auf Unsicherheit, Veränderung und Regeln reagieren, manche Ansichten für uns natürlicher wirken lassen können als andere. Erziehung, Erfahrungen und die Gesellschaft, in der wir leben, spielen trotzdem eine große Rolle.
Liberalismus ist nicht dasselbe wie Moral
Eine der Aussagen im Test fragt, ob es kein „absolut richtig“ oder „absolut falsch“ gibt. Man kann das leicht als Frage danach missverstehen, wie moralisch du bist. Das ist sie nicht.
Eine bekannte Studie aus dem Jahr 2009 fand, dass Liberale und Konservative beide Wert auf Moral legen, aber unterschiedliche moralische Anliegen betonen. Liberale stützten sich vor allem auf Fürsorge für andere und Fairness. Konservative bezogen gleichmäßiger ein breiteres Spektrum von Anliegen ein: Fürsorge und Fairness, aber auch Loyalität gegenüber der Gruppe, Respekt vor Autorität sowie Reinheit oder Heiligkeit.
Ein hoher Wert bei Liberalismus bedeutet also nicht, dass deine Moral schwächer ist, und ein niedriger Wert bedeutet nicht, dass du starr oder unfreundlich bist. Ehrlichkeit und Fairness gegenüber anderen misst eine andere Facette, die Moral, unter Verträglichkeit.
Liberalismus ist auch nicht dasselbe wie Abenteuerlust. Du kannst Reisen und neues Essen lieben und trotzdem Tradition in der Gesellschaft schätzen, oder umgekehrt.
Was bedeutet ein hoher oder niedriger Wert?
Hoher Liberalismus
Du stellst Regeln, Autorität und Konventionen schnell infrage und kommst gut mit moralischen Grauzonen zurecht. Vielleicht bist du offen für neue Arten, die Gesellschaft zu organisieren, und skeptisch gegenüber „Das haben wir schon immer so gemacht“.
Die Kehrseite kann sein, dass du den Wert stabiler Institutionen und gemeinsamer Normen unterschätzt oder übersiehst, warum eine Tradition überhaupt entstanden ist.
Niedriger Liberalismus
Du schätzt Ordnung, Tradition und klare moralische Grenzen. Du findest, dass Regeln und Institutionen oft hart erarbeitete Erfahrung in sich tragen und dass eine Gesellschaft am besten funktioniert, wenn sich die Menschen auf sie verlassen können.
Die Kehrseite kann sein, dass du langsamer erkennst, wenn eine Regel ihren Zweck überlebt hat, oder dass es dir schwerfällt, Menschen zu verstehen, die mit Konventionen brechen.
Beide Beschreibungen handeln von typischen Neigungen, nicht von Regeln, die in jeder Situation gelten.
Im Alltag
- Bei der Arbeit: Menschen mit hohen Werten stellen oft Routinen infrage und schlagen neue Vorgehensweisen vor. Menschen mit niedrigen Werten helfen oft, zu bewahren, was funktioniert, und dafür zu sorgen, dass Regeln eingehalten werden.
- In Beziehungen: Partner teilen nicht immer dieselben politischen Ansichten. Unterschiede müssen kein Problem sein, wenn sich beide respektiert fühlen.
- In Diskussionen: Es hilft oft, sich daran zu erinnern, dass es dem Gegenüber wahrscheinlich nicht an Moral fehlt, sondern dass es Werte anders gewichtet.
- In der Gesellschaft: Eine Gesellschaft braucht meist beides: Menschen, die auf Veränderung drängen, und Menschen, die schützen, was funktioniert.
Kann sich Liberalismus verändern?
Politische Ansichten sind überraschend stabil. Eine Studie aus dem Jahr 2020 begleitete Amerikanerinnen und Amerikaner über einen großen Teil ihres Erwachsenenlebens. Ihre politischen Einstellungen waren langfristig bemerkenswert stabil.
Wenn sich Menschen doch veränderten, bewegten sie sich allerdings häufiger von liberal zu konservativ als umgekehrt. Das stützt in gewissem Maß die Volksweisheit, dass man mit dem Alter konservativer wird, auch wenn die Veränderung viel kleiner ist, als das Sprichwort nahelegt.
Große Lebensereignisse, neue Umgebungen und Beziehungen können trotzdem verschieben, wie Menschen die Welt sehen. Und unabhängig davon, wo du stehst, kann es nützlich sein:
- Versuch, die stärkste Version einer Ansicht zu beschreiben, die du nicht teilst.
- Frag, welcher Wert hinter einer Position steht, nicht nur, welche Position es ist.
- Achte darauf, ob du darauf reagierst, wer etwas sagt, statt darauf, was gesagt wird.
Häufige Fragen
Bedeutet ein hoher Wert, dass ich eine bestimmte Partei wähle?
Nein. Die Facette erfasst allgemeine Haltungen zu Autorität, Tradition und moralischer Gewissheit. Viele Menschen kombinieren Ansichten auf eine Weise, die nicht sauber zu einer Partei passt, und was „liberal“ bedeutet, ist von Land zu Land verschieden.
Warum fragt ein Persönlichkeitstest nach Politik?
Weil die Haltung zu Autorität und Tradition ein stabiler Teil davon ist, wie Menschen sich zur Welt verhalten, und weil sie mit Offenheit für Erfahrungen zusammenhängt. Die politischen Aussagen sind eine einfache, wenn auch unvollkommene Art, diese Haltung zu erfassen.
Ist es besser, hoch oder niedrig abzuschneiden?
Nein. Beide Enden haben Stärken und Schwächen. Die Forschung deutet darauf hin, dass Menschen an beiden Enden Wert auf Moral legen, aber unterschiedliche Werte gewichten.
Wie wird Liberalismus im Big-Five-Test gemessen?
Unser Test basiert auf dem IPIP-NEO-120, in dem jede Facette mit vier Aussagen gemessen wird. Beim Liberalismus geht es darum, sich politisch überwiegend als progressiv zu sehen und zu glauben, dass es kein „absolut richtig“ oder „absolut falsch“ gibt, und, umgekehrt gewertet, sich politisch überwiegend als konservativ zu sehen und zu glauben, dass wir hart gegen Kriminalität vorgehen sollten. Lies deinen Wert als Hinweis auf ein Muster, nicht als vollständige Beschreibung deiner Person.
Finde heraus, wo du stehst
Liberalismus ist nur eine der sechs Facetten der Offenheit für Erfahrungen. Du kannst beim Liberalismus niedrig und trotzdem bei Einbildungskraft, Künstlerischem Interesse oder Intellekt hoch abschneiden.
Mach den Big-Five-Test und sieh dein ganzes Profil mit allen 30 Facetten.
Quellen
- Carney, D. R., Jost, J. T., Gosling, S. D. & Potter, J. (2008). The secret lives of liberals and conservatives: Personality profiles, interaction styles, and the things they leave behind. Political Psychology, 29(6), 807–840.
- Gerber, A. S., Huber, G. A., Doherty, D., Dowling, C. M. & Ha, S. E. (2010). Personality and political attitudes: Relationships across issue domains and political contexts. American Political Science Review, 104(1), 111–133.
- Fatke, M. (2017). Personality traits and political ideology: A first global assessment. Political Psychology, 38(5), 881–899.
- Hatemi, P. K. et al. (2014). Genetic influences on political ideologies: Twin analyses of 19 measures of political ideologies from five democracies and genome-wide findings from three populations. Behavior Genetics, 44(3), 282–294.
- Graham, J., Haidt, J. & Nosek, B. A. (2009). Liberals and conservatives rely on different sets of moral foundations. Journal of Personality and Social Psychology, 96(5), 1029–1046.
- Peterson, J. C., Smith, K. B. & Hibbing, J. R. (2020). Do people really become more conservative as they age? The Journal of Politics, 82(2), 600–611.
- Johnson, J. A. (2014). Measuring thirty facets of the Five Factor Model with a 120-item public domain inventory: Development of the IPIP-NEO-120. Journal of Research in Personality, 51, 78–89.